Der Mensch ist dasjenige Säugetier, das am längsten für seine Entwicklung benötigt. Während einige Tierarten bereits Stunden oder Tage nach der Geburt für ihr Überleben wesentliche Verhaltensweisen erlernt haben, müssen Menschenbabies jahrelang gefüttert, gewickelt und getragen werden.Typischerweise werden Menschen rund um ihr zwanzigstes Lebensjahr flügge und verlassen das elterliche Nest – je saturierter und konservativer die Umgebung, desto später.

In diesen 20 Jahren erlernt der Mensch überlebensnotwendige Verhaltensweisen und eignet sich darüberhinaus noch allerlei weitere Kenntnisse und Eigenarten an, die ihm durch seine Familie, den Freundeskreis, Nachbarn, sowie Menschen und Ereignissen aus der engeren und weiteren Umgebung vermittelt werden.Ein wesentlicher Bestandteil dieser Lernerfahrungen sind Konventionen – also Regeln, die von einer Gruppe von Menschen auf Basis einer geschlossenen Übereinkunft eingehalten werden. Konventionen können durch ausdrücklichen Konsens entstanden sein oder auch durch eine stillschweigende Übereinkunft. Bei letzterer ist folgerichtig mit stärkeren individuellen Auslegungen der entsprechenden Konvention zu rechnen. 

Im Laufe seines Lebens übernimmt der Mensch einige Konventionen bzw. Gewohnheiten und fügt sie zu einer verfestigten Einstellung und damit zu einem Teil seiner Persönlichkeit zusammen. Und solange neue Erkenntnisse und Erlebnisse die bisherigen Konventionen und Einstellungen unterstützen und gut ins Gesamtbild passen, bilden sich immer stabilere Einstellungen heraus. Je nachdem, wie offen der Mensch in die Welt blickt und Neues kennenlernt, werden seine Einstellungen von einem immer reichhaltigeren oder aber einem immer einseitigeren Bild geprägt. Bekannte kognitive Verzerrungen wie beispielsweise der Conformation Bias (Bestätigungsfehler) sorgen im schlechteren Falle dafür, das der Mensch nur denjenigen Ausschnitt der Wirklichkeit wahrnimmt, der zu seinen bisherigen Einstellungen und Ansichten passt.

Kognitiver Verzerrungen

Da die Gefahr, kognitiven Verzerrungen auf den Leim zu gehen selbst vor sehr intelligenten Menschen keinesfalls halt macht, sind wir gut beraten, unsere Einstellungen, Ansichten und Verhaltensweisen regelmäßig auf den Prüfstand zu stellen.Dies ist keine leichte Übung, da die Anforderung darin besteht, die Dinge eben nicht aus der eigenen Perspektive zu sehen, sondern von außen auf sich zu schauen, um mögliche einseitigen oder schlechten Entwicklungen wahrnehmen zu können. Diverse Techniken können dabei hilfreich sein: der Nachrichtenkonsum auf einer Website mit politisch konträren Ansichten zur eigenen, regelmäßige Diskussionen mit Freunden, die signifikant andere Ansichten vertreten, etc..

Ich bezeichne all diese Tätigkeiten, sich zu hinterfragen und seinen Geist auf den Prüfstand zu stellen, als das Ausmisten des Kleiderschranks der Konventionen. Analogien zu bekannten Aspekten des täglichen Lebens sind meist hilfreich, um abstrakte Modelle in die Lebenswirklichkeit zu integrieren. Der Kleiderschrank ist ein relativ gut passendes Beispiel, da sich in ihm unser gesamtes Arsenal an Kleidung befindet. Kleidungsstücke unterschiedlichsten Kaufdatums – dabei meist einige Lieblingsstücke, die zwar nicht mehr ganz up-to-date sind, von denen wir uns aber ungern trennen wollen. Dann kommt immer wieder etwas Neues hinzu – oft passt es farblich oder vom Stil zu den bisherigen Stücken, manchmal haben wir uns aber auch im Urlaub dazu hinreissen lassen, etwas Neues auszuprobieren, das nun irgendwie mit dem Altbestand kombiniert werden muss. Hier haben wir die direkte Analogie zu Konventionen: je fremder neue Erfahrungen (neue Klamotten) für uns sind, desto schwieriger wird es, diese mit den bisherigen Konventionen (bestehendes Angebot im Kleiderschrank) zu synchronisieren.

Den Kleiderschrank der Konventionen gilt es genauso regelmäßig auszumisten, wie den de facto Kleiderschrank. Alte, nicht mehr zeitgemäße, kaputte, oder auch nur nicht mehr dem persönlichen Geschmack entsprechende Konventionen sollten von Zeit zu Zeit – womöglich nach einer kritischen Anprobe – ausgemistet und durch besser passende, zeitgemäße und zukunftsgerichtete neue ersetzt werden. Typischerweise scheuen wir uns etwas vor dieser Aufgabe, sind aber umso beschwingter, wenn wir sie gelöst haben und mit frischen Klamotten und Konventionen unbeschwert durchs Leben schreiten können.

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